Montessori-Pädagogik
Montessori-Pädagogik (1)
"Hilf mir, es selbst zu tun" von Saskia Haspel
Maria Montessoris "Pädagogik vom Kinde aus" ist nun bereits über 80 Jahre alt und doch noch immer genauso aktuell wie zu Beginn des reformpädagogischen Zeitalters.
Montessori-Pädagogik bedeutet, Kinder in ihrer Persönlichkeit zu akzeptieren, ihnen achtungsvoll zu begegnen und sie auf ihrem Entwicklungsweg liebevoll und hilfsbereit zu begleiten. Unter diesen Gesichtspunkten ist es möglich, Kindern eine "Vorbereitete Umgebung" zu schaffen, in der sie nach ihren ganz persönlichen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Interessen tätig werden können, eine Tätigkeit, die Voraussetzung ist für Entwicklung und Lernen.
"Wir müssen das Kind führen, indem wir es freilassen" postulierte Maria Montessori und meinte damit jenen Freiraum, der es Kindern ermöglicht, zu selbstbewussten und eigenverantwortlichen Persönlichkeiten heranzureifen. Diese Freiheit ist keine unbegrenzte, sondern ein Freiraum innerhalb klarer Rahmenbedingungen, die soziales Zusammenleben erst möglich machen.
Freiheit im Sinne von selbständigem, verantwortungsbewußten Handeln setzt Montessori gleich mit "Meister seiner selbst" zu sein - Selbstdisziplin zu entwickeln und Verantwortung für die eigenen Handlungen genauso zu übernehmen, wie die eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse anderer zu erkennen und zu achten. Eine gute "Vorbereitete Umgebung" ist die Voraussetzung dafür, dass Kinder im Rahmen der Freiarbeit für ihre Entwicklung selbsttätig sorgen können.
Sowohl im Kinderhaus als auch in der Schule entscheiden die Kinder selbst, welche Spiel-, Lern- und Arbeitsangebote sie annehmen, welcher Aufgabe sie sich innerhalb welches Zeitrahmens zuwenden, mit wem sie zusammenarbeiten und wo sie ihren Arbeitsplatz vorbereiten. Für alle diese Entscheidungen finden Absprachen unter den Kindern ebenso statt wie Hilfestellungen der Erwachsenen, wo sie nötig sind.
Somit werden die sozialen Prozesse, die zur Regelung der Freiarbeit notwendig sind, genauso wichtig wie die eigentliche Arbeit selbst. Die Angebote der "Vorbereiteten Umgebung" orientieren sich also an den Bedürfnissen und Interessen der Kinder. Dies setzt eine genaue Beobachtung der Kinder ebenso voraus wie die Kenntnis und das Erkennen von "Sensiblen Perioden" - Phasen innerhalb der kindlichen Entwicklung, in denen das Kind besonders aufnahmebereit ist für all jene Eindrücke, die einen ganz bestimmten Entwicklungsschritt erleichtern oder ermöglichen.
Während der sensiblen Periode für einen bestimmten Lernschritt kann dieser leicht, freudvoll und geradezu spielerisch erfolgen, während das selbe Lernangebot das Kind zu einem anderen Zeitpunkt über- oder unterfordern würde. Zur "Vorbereiteten Umgebung" zählen aber nicht nur Spiel- und Lernangebote, sondern auch die soziale und emotionale Einbettung in der Gruppe, sowie der Erwachsene, der das Kind auf seinem Entwicklungsweg begleitet.
Eine der schwierigsten Aufgaben des Erwachsenen ist es, dem Kind einerseits zu helfen, wo es Hilfe braucht, ihm aber auf der anderen Seite nicht vorzeitig oder zu viel zu helfen, so dass der eigene Lernprozess und die Freude daran, "es allein geschafft" zu haben, nicht unterdrückt wird. Sich selbst immer wieder zurückzunehmen, damit das Kind wirklich frei tätig werden kann, das Kind aber in seinem Entwicklungsprozess auch nicht im Stich zu lassen, ist eine Gratwanderung, die täglich immer wieder eine neue Herausforderung darstellt.
Durch diese individuelle Entwicklungsmöglichkeit, in der aber alle Bereiche - kognitive ebenso wie sozial-emotionale, senso-motorische und kreative - in gleichem Maß ihren Stellenwert haben, eignet sich die Montessori-Pädagogik nicht nur für alle Kinder, sondern erscheint auch für alle Arten der Integration besonders geeignet. Nach Maria Montessori ist "der Weg, den die Schwachen gehen, um sich zu stärken, der gleiche, den die Starken gehen, um sich zu vervollkommnen".
So betrachtet bekommt die Montessori-Pädagogik in unserer Zeit des neuen Integrationsgesetzes auf der einen Seite und der Diskussion um Hochbegabtenschulen auf der anderen Seite eine weitere aktuelle Dimension, die uns in der täglichen Arbeit immer wieder vor Augen geführt wird: Das gemeinsame Leben, Lernen und Arbeiten von behinderten und nicht behinderten Kindern, von in einzelnen Bereichen unterschiedlich begabten Kindern, von Kindern unterschiedlichster Herkunft auf unterschiedlichstem Entwicklungsstand mit verschiedensten Erfahrungen, Interessen, Vorlieben und Abneigungen ist mit einer differenzierenden Methode nicht nur möglich, sondern eine absolut natürliche Situation, in der jedes Kind immer wieder profitieren kann - sei es durch die Hilfe anderer, sei es durch eigene Hilfestellungen, bei denen erworbenes Wissen und Können auf einer nochmals anderen Ebene erprobt und verwendet werden kann.
Als Hilfestellung für die Entwicklung der Kinder hat Maria Montessori eigene Arbeitsmaterialien geschaffen, die aus der Beobachtung der Kinder und der Arbeit mit ihnen entstanden sind. Die Entwicklungsmaterialien haben verschiedene Aufgaben: Die Übungen des praktischen Lebens helfen dem Kind, Schritt für Schritt unabhängig von der Hilfe anderer zu werden, für sich selbst und für die Umgebung sorgen zu können, seine Motorik ebenso wie seine Auge-Hand-Koordination immer mehr zu verfeinern und zu beherrschen.
Die so erworbenen Fähigkeiten geben Kindern auch die Chance, anderen, vielleicht jüngeren oder schwächeren Kindern zu helfen, eine Möglichkeit, die nicht nur soziales Lernen, sondern auch die Entwicklung von Selbstbewußtsein und Verantwortungsgefühl unterstützt. Die Sinnesmaterialien helfen dem Kind bei der Verfeinerung seiner Sinneswahrnehmungen, bei der Ausdifferenzierung seiner Sicht der Realität und beim Aufbau seiner inneren Strukturen, in die es alle bereits erlebten, aber noch ungeordneten Sinneserfahrungen einordnen kann, so dass neu hinzukommende Erfahrungen ab einem bestimmten Entwicklungsstand in bereits vorhandene Strukturen aufgenommen werden können.
Die didaktischen Materialien zu Mathematik sowie zu Sprache und Schrift ermöglichen dem Kind, abstrakte Lerninhalte über die Tätigkeit mit konkretem Material im wahrsten Sinn des Wortes zu be-greifen. Strukturen werden sicht-, fühl- und erlebbar, konkrete Handlungen in kleinen Schritten - je nach Entwicklung des einzelnen Kindes - in den abstrakten Bereich übergeführt, so dass ganzheitliches, kindgerechtes Lernen möglich wird.
Die Materialien zum Bereich Kosmische Erziehung bieten dem Kind vielfältige Möglichkeiten, durch Staunen über beobachtbare Phänomene und experimentelles, entdeckendes Lernen zu Erkenntnissen im naturwissenschaftlichen Bereich zu gelangen. "Den Keim für die Naturwissenschaften zu legen" nannte Maria Montessori als vordringlichste Aufgabe der Kosmischen Erziehung, die ihren aktuellen Bezug auch in der Ökologie- und Friedenserziehung findet.
Da nach der Montessori-Methode Kinder in Freiarbeit lernen, ist es in diesem Rahmen für jedes Kind möglich, sich nach seinen persönlichen Fähigkeiten in seinem individuellen Tempo zu entwickeln. Immer wieder zeigt sich, dass Entwicklung nicht verzögert oder beschleunigt werden kann, dass sie im jeweils eigenen Tempo und Aufbau belassen werden muss, um dem Kind die Möglichkeit zu geben, auf gefestigten Grundlagen den nächsten Entwicklungsschritt zu setzen.
In einer liebevollen, entspannten Atmosphäre können Kinder Vertrauen zu anderen Kindern und zu Erwachsenen ebenso entwickeln wie Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten. So ist die Bitte eines kleinen Mädchens an Maria Montessori - "Hilf mir, es selbst zu tun" - zu einem Leitsatz der Montessori-Pädagogik geworden. Ziel der Montessori-Pädagogik ist die selbständige, entscheidungsfähige und -freudige, verantwortungsbewusste, individuelle und soziale Persönlichkeit, die sich innerhalb der "Vorbereiteten Umgebung" in einer angenehmen, entspannten Atmosphäre entwickeln kann, in der sich alle, Kinder ebenso wie Erwachsene, wohl fühlen.
Montessori-Pädagogik (2)
... ist ein reformpädagogisches Bildungsangebot, das sich unmittelbar am Kind orientiert und konsequent die Bedürfnisse des Kindes berücksichtigt.
Das erste Montessori-Kinderhaus wurde bereits 1907 in Rom von Maria Montessori gegründet. Ihr zu Ehren trägt diese Pädagogik ihren Namen.
Montessori-Pädagogik wird heute in vielen Kinderhäusern und Schulen und in fast allen Ländern der Erde angeboten. Montessori-Pädagogik ist seit vielen Jahrzehnten erprobt und bewährt.
Prinzipien der Montessori-Pädagogik sind:
* das Kind in seiner Persönlichkeit achten, es als ganzen, vollwertigen Menschen sehen.
* den Willen des Kindes entwickeln helfen, indem man ihm Raum für freie Entscheidungen gibt; ihm helfen, selbständig zu denken und zu handeln.
* dem Kind Gelegenheit bieten, dem eigenen Lernbedürfnis zu folgen, denn Kinder wollen nicht nur irgendetwas lernen, sie wollen zu einer bestimmten Zeit etwas ganz bestimmtes lernen (sensible Phasen).
* dem Kind helfen, Schwierigkeiten zu überwinden anstatt ihnen auszuweichen.
* Freiarbeit
... ist das Kernstück der reformpädagogischen Bildung Montessoris. Die Kinder wählen nach eigener Entscheidung, womit sie sich beschäftigen. Das Montessori-Material, die kindgerechte Darstellung der Angebote und die gute Beobachtungsgabe der Erzieherin helfen dem Kind dabei, sich für ein Angebot zu entscheiden. Dann bestimmt das Kind weitgehend selbst den Arbeitsrhythmus und die Beschäftigungsdauer und auch, ob es allein oder mit einem Partner arbeiten, spielen oder lernen möchte. Diese freie Entscheidung führt zu einer Disziplin, die von innen kommt und nicht vom Erzieher gemacht wird. Jeder Besucher, der nicht mit der Montessori-Pädagogik vertraut ist, bewundert diese ruhige und entspannte Arbeitsatmosphäre in der Freiarbeit nach Montessori.
Die Montessori-Erzieher
... verstehen sich als Helfer zur Entwicklung selbständiger Persönlichkeiten. Zur rechten Zeit sind ihre Worte und ihre Konsequenz gefragt. Sie sind sehr flexibel. Mit Geduld erklären sie den Gebrauch der Montessori-Materialien und unterstützen die Kinder damit umzugehen. Sie bringen das Kind auch in Beziehung zur Ordnung in ihrer Umgebung.
Montessori-Pädagogik (3)
Ein Erlebnis bestimmte in besonderer Weise die Arbeit Maria Montessoris:
Sie entdeckte, dass Kinder in der Lage sind, sich über eine lange Zeit einer Sache hinzugeben und konzentriert zu arbeiten, und dass dies für die Bildung der Persönlichkeit entscheidend ist.
Sie entdeckte auch, dass es besonderer Bedingungen bedarf, um dieses "Phänomen der Polarisation der Aufmerksamkeit" immer wieder zu ermöglichen, und zwar:
* Die freie Wahl der Arbeit: Das Kind wählt aus einem Angebot an Erfahrungsmaterial seine Arbeit selbst aus.
* Relative Zeitfreiheit: Das Kind arbeitet gemäß seinem Lerntempo in verschieden langen Arbeitsphasen.
* Vorbereitete Umgebung: Der Klassenraum ist Arbeitsraum für Kinder. Er gestattet Bewegungsfreiheit und gibt Geborgenheit.
* Leib-seelische Einheit des Kindes: Die innere, geistige Aktivität verlangt stets nach körperlicher Aktivität. Sinneserfahrung und Bewegung sind unverzichtbar für das Lernen.
* Der Lehrer: Er gestaltet die "Vorbereitete Umgebung", berät, hilft, leitet zur Arbeit an.
* Die Gruppe: Soziales Leben und Lernen wird vielfältig bestimmt durch Verschiedenheit der Altersstufen, Geschlechter, Charaktere.
* Freiheit und Disziplin: Disziplin und Ordnung geben den Rahmen, in dem sich Freiheit verwirklichen kann.
Rebecca Wild: Erziehung - Konditionierung oder Reifeprozess?
Für uns ist es in unserer Arbeit zu einer Priorität geworden, eine geeignete vorbereitete Umgebung für Kinder zu schaffen. Für diese Aufgabe ist es unerlässlich, dass wir unsere volle Aufmerksamkeit und Intelligenz einsetzen.
Wenn wir von einer "lebensfreundlichen Umgebung" für Menschen sprechen, müssen wir dabei an alles Lebendige denken, das uns umgibt, denn wir sind uns bewusst, dass alle Lebensformen, mit denen wir unser Habitat teilen, eng verbunden und vernetzt sind. Darum sind wir, auch wenn wir "nur" mit Kindern arbeiten, letztendlich immer der ganzen Erde und allem, was in ihr existiert, verantwortlich.
Wenn wir von "Erziehung" sprechen, kommen wir nicht darum herum, auf die gesamte Problematik des persönlichen Lebens und mit ihm alles Lebendigen zu stoßen, mit dem dieses persönliche Leben zusammenhängt. Wenn wir möchten, dass unsere Kinder für eine ungewisse Zukunft vorbereitet sind, stellt sich sofort eine zentrale Frage: Können durch Konditionierungstechniken, welcher Art auch immer, überhaupt irgendwelche reellen und dauerhaften Lösungen gefunden werden?
In unserer Gesellschaft werden Fortschritt und Vorwärtskommen normalerweise als Resultate irgendeines Programms verstanden. Darum bewahren auch Eltern und Lehrer solch einen tiefen Respekt vor den vorgeschriebenen Erziehungsprogrammen, weil sie offenbar zu erhofften Zielen führen und unseren Kindern Erfolg versprechen.
Eltern und Lehrer bestärken sich gegenseitig in ihren Anstrengungen, dass diese Programme Schritt für Schritt, Fach für Fach erfüllt werden. Um das zu erreichen, werden alle möglichen Mittel verwendet. Es wird stimuliert, beraten, motiviert, orientiert, geleitet und kontrolliert; man vergleicht Kinder untereinander und regt sie zum Wettstreit an, es gibt Belohnungen und Strafen.
Hinter all diesen Anstrengungen steckt die Überzeugung, dass der andere - sei es Kind oder Erwachsener - den Richtlinien anerkannten Wissens zu folgen hat, dass er bestehende Ideen und eine wachsende Anzahl von Informationen in vorgeschriebenem Tempo und in vorbestimmten Portionen aufzunehmen hat, um Hoffnung auf Erfolg zu haben. Tatsächlich bringen diese Techniken wenigstens kurzfristig gewisse Resultate hervor, die zwar nicht immer positiv, doch zumindest messbar sind.
Menschen können zweifellos konditioniert werden, und zwar mit weit grösserem Erfolg als Tiere. Wenn schon ein Tier uns mit seinen Kunststücken zum Staunen bringen kann, wieviel mehr ein Mensch, wenn sich jemand die Mühe macht, seine höhere Intelligenz auszubilden und in nützliche Bahnen zu lenken!
Um es überhaupt zu wagen, die anerkannten Ausbildungstechniken und ihre hochgesteckten Ziele anzuzweifeln, ist eine andere Sichtweise notwendig. Nur so beginnen wir ernstlich, neue Möglichkeiten einzubeziehen und zu einem neuen Verständnis von Reifeprozessen zu kommen. Und dann ersetzen wir die gewohnte Idee vom "Fortschritt" durch den Begriff "Entwicklung".
Echte Entwicklung, Entfaltung oder Reifung können niemals von außen konditioniert werden. Es sind vielmehr natürliche Prozesse, die sich von selbst abwickeln, wenn ein lebendiger Organismus mit einer Umgebung, die seine Bedürfnisse befriedigt, aus eigenem Antrieb interagiert. Nach den Aussagen der modernen Astronomie hat sogar der Kosmos Entwicklungen durchgemacht und verändert sich immer noch ständig. Und an diesem Grundprinzip nimmt alles Leben auf unserem Planeten teil.
Wenn wir endlich einmal aufhören, unsere Kinder zu konditionieren, ständig in ihre kindliche Art, sich mit der Welt auseinanderzusetzen, einzugreifen und sie an die Art der Erwachsenen anzupassen, dann nehmen sie von selbst mit diesem Lebensprinzip Kontakt auf und "normalisieren" sich, d.h. sie entwickeln sich harmonisch und im eigenen Rhythmus.
Reifeprozesse erlauben, dass ein Organismus die Errungenschaften früherer Generationen in sein eigenes Repertoire aufnimmt, doch mit Rücksicht auf inneres und äußeres Gleichgewicht. Es sind immer langsame Prozesse, denn jede neue Entwicklung restrukturiert alles bereits Gewachsene und verknüpft auf vorsichtige Weise neu Gelerntes mit allen bestehenden Lebenssystemen.
Und unter Berücksichtigung all dieser komplexen Zusammenhänge lassen Reifeprozesse immer die Möglichkeit für ganz neuartige Interaktionen und Lösungen offen, denn sie nehmen ständig Fühlung mit jeglicher Veränderung der Umgebung auf, die neue Herausforderungen an den Organismus stellen könnten. Nicht nur bei Pflanzen und Tieren, sondern auch beim Menschen führt der Versuch, Reifeprozesse zu beschleunigen, schließlich zu einer Erscheinung, die David Elkind "früh gereift und früh verfault" genannt hat.
Dieser frühzeitige Verfall, der heute bereits überall beklagt wird, wird durch innere und äußere Gleichgewichtsstörungen verursacht. Beim Menschen zeigt sich wahre Reifung darin, dass sie ein immer tieferes Verständnis für Situationen und Problemen und deren Lösungen mit sich bringt. Wirkliches Verstehen kommt aber nicht durch Konditionierungsmethoden zustande. So können wir z.B. Kindern das Einmaleins so geschickt beibringen, dass sie es in kurzer Zeit auswendig wissen und in bestimmten Situationen anwenden können. Aber nur durch vielerlei konkrete Erfahrungen, spontane Spiele und den Gebrauch vielgestaltiger strukturierter Materialien reifen die Verständnisstrukturen im Organismus des Kindes, dank derer der Sinn der Multiplikation wirklich verstanden werden kann.
Wenn wir aber irgendwelche Inhalte auswendig gelernt haben, ist es später viel schwieriger, zu einem echten Verständnis zu kommen. Die Entwicklung der Intelligenz geht auf natürliche Weise voran, wenn ein Kind in seinen Grundbedürfnissen wirklich respektiert wird, d.h. in seinem Bedürfnis, sich bedingungslos geliebt zu fühlen und sich selbständig, auf seine eigene persönliche Weise, mit der Welt auseinanderzusetzen. Nur so wächst es in einem Grundgefühl von Sicherheit und Vertrauen ins Leben auf und geht sein Reifeprozess durch alle Entwicklungsjahre unbehindert voran.
Die verschiedenen Konditionierungsmethoden machen sich auch diese Wechselwirkung zwischen Liebesbedürfnis und Tatendrang zunutze, allerdings, indem sie Abhängigkeitsbeziehungen verlängern und verstärken.
Es ist wichtig, dass wir diese Gefahr erkennen und uns vor Augen halten, dass die menschliche Fähigkeit zum Denken und Verstehen nicht "gelehrt" werden kann, sondern ein biologischer Prozess ist, der spontan in einer Umgebung vorangeht, wo liebevolle Zuwendung und Annahme des anderen bedingungslos sind und wo eigene Initiative, eigenes Wahrnehmen, Handeln, Denken und Lösen von Problemen nicht durch wohlgemeintes Führen, Vorgreifen und Dazwischenfahren geschwächt oder ganz verhindert werden.
Nur wenn wir das von Grund auf verstehen, können wir uns dem Druck widersetzen, der von allen Seiten auf uns und unsere Kinder ausgeübt wird, nämlich der in unserer Gesellschaft so verbreiteten Überzeugung, dass wir die Entwicklung unserer Kinder beschleunigen müssen, wollen wir rechte Eltern sein, dass wir sie fördern und stimulieren müssen, damit sie mit anderen Schritt halten oder sie gar überflügeln.
